Das dokumentarische Fotobuch (Softcover, 20 × 25 cm) geht einer ebenso simplen wie radikalen Frage nach: Was bleibt vom Mythos Zirkus übrig, wenn man die Manege, den Applaus und die spektakuläre Inszenierung einfach weglässt?
„Ohne Vorstellung“ richtet den Blick auf das, was dem Publikum normalerweise verborgen bleibt. Es ist eine intime fotografische Auseinandersetzung mit der meist unbeachteten Lebens- und Arbeitswelt deutscher Wanderzirkusse – eine Subkultur, die im kollektiven Bewusstsein oft romantisierend verklärt wird, in der Realität jedoch von harter körperlicher Arbeit, ständigem Ortswechsel und einer unsicheren Zukunft geprägt ist. Die Arbeit taucht ein in einen Mikrokosmos, der einem unerbittlichen Rhythmus folgt: Aufbau, Warten, Abbau, Weiterreise. Wie Toni Carlotta Petrick in ihrem begleitenden Text treffend formuliert: „Und während ich mich im gedanklichen Chaos verliere, baut sich um mich herum diese Welt auf und wieder ab. Und dann wieder auf und wieder ab.“
Die fotografische Haltung bewegt sich dabei zwischen dokumentarischer Distanz und persönlicher Nähe. Die Bilder zeigen den Alltag von Zirkusbetrieben unterschiedlichster Dimensionen – von den monumentalen Zeltanlagen des Circus Krone bis hin zu kleinen, familiengeführten Unternehmen wie dem Circus Piccolo. Die Fotografien fangen die profane Ästhetik des Vorübergehenden ein: improvisierte Stromkabel, ein wuchtiger Zelthering, der sich tief durch den rissigen Asphalt bohrt, der hastige Blick in den Spiegel der Garderobe oder ein Artist am Smartphone fernab des Scheinwerferlichts. Alles ist echt, radikal und bewusst „ohne Maske“.
Das Medium Fotobuch ist dabei weit mehr als nur ein neutrales Transportmittel; es fungiert als eigener erzählerischer Raum. In der gestalterischen Umsetzung steht die Fotografie klar im Vordergrund, während die typografischen Elemente sie inhaltlich unterstützen und strukturieren, ohne sich aufzudrängen. Das Layout bricht bewusst mit den Regeln einer klassischen Dokumentation. Es bewahrt eine spielerische Leichtigkeit, erlaubt sich visuelle Irritationen und greift so den improvisierten, unperfekten Charme des Zirkusalltags auf.
„Ohne Vorstellung“ ist kein Abgesang, sondern eine feinfühlige Hommage an eine Welt im Wandel. Was am Ende bleibt, wenn das Spektakel wegbricht, ist die rohe Schönheit der Alltäglichkeit.