Betreuer*Innen

Prof. Tilman Zitzmann
Prof. Manuel Casasola‐Merkle
Prof. Burkard Vetter

Module

Digital Experience
CGI

Digitale Fratzen

Wenn mein Gegenüber unheimlich wird. Eine Installation zum Thema Uncanny Valley

Lemma Yahya

„Digitale Fratzen“ ist eine interaktive Video‐Installation über die Instabilität digitaler Portraits, in der ein einzelnes Gesicht auf die Blicke der Betrachter*innen reagiert. Das Gesicht wird zur Projektionsfläche für die Frage, wie sich Wahrnehmung und Vertrauen verändern, wenn Gesichter im digitalen Raum manipuliert, rekonstruiert und in falsche Kontexte gesetzt werden.

Das Gesicht galt lange Zeit als unmittelbarer Ausdruck von Identität und Authentizität; es wurde als etwas Einzigartiges verstanden, das sich nicht ohne Weiteres ersetzen, fälschen und reproduzieren ließ und in erster Linie nur der Person gehört, die es trägt. Im digitalen Zeitalter verliert diese Vorstellung jedoch zunehmend an Stabilität: Durch Deepfake‐Technologien kann das Gesicht als Instrument der Täuschung eingesetzt werden, sodass manipulierte Bilder, Videos oder andere synthetische Inhalte entstehen, die realistisch wirken, obwohl sie vollständig künstlich erzeugt sind. Dieses Phänomen verändert das Verhältnis zwischen Bild und Glaubwürdigkeit grundlegend. Was früher als verlässlicher Marker für Echtheit galt, kann heute technisch rekonstruiert, entfremdet und in neue Zusammenhänge eingeschrieben werden. Das Gesicht wird zu einer digital verfügbaren Währung, die sich kopieren, variieren, reproduzieren und missbrauchen lässt.

Die Arbeit greift das Konzept des ‚Uncanny Valley‘ auf, das beschreibt, wie künstliche Figuren zunächst umso mehr Sympathie hervorrufen, je ähnlicher sie einem Menschen sehen. Erreicht eine Darstellung jedoch einen Grad an Realismus, der uns sehr nahekommt, ohne bereits ein perfektes Abbild zu sein, kippt diese Sympathie in Unbehagen oder sogar Ekel; erst wenn die Darstellung nicht mehr von einem echten Menschen zu unterscheiden ist, kehrt Sympathie zurück. Dieses Spannungsfeld wird in „Digitale Fratzen“ bewusst genutzt, um erfahrbar zu machen, wie brüchig jene Wahrnehmungs- und Vertrauens­mechanismen sind, mit denen wir Gesichter üblicherweise lesen und als „echt“ oder „unecht“ bewerten.

„Digitale Fratzen“ untersucht diesen Zwischenraum als körperlich‐räumliche Erfahrung: Die Zuschauer*innen stehen einem Gesicht gegenüber, das sie scheinbar anblickt, auf sie reagiert und doch nie vollständig „stimmt“. In den minimalen Abweichungen—ein Blick, der knapp vorbeigeht, ein Lidschlag, der zu spät einsetzt, eine Mimik, die nicht ganz zur erwarteten Emotion passt—entfaltet sich jenes Unheimliche, das entsteht, wenn etwas fast menschlich wirkt, aber in kleinen Details aus der gewohnten Wahrnehmung herausfällt.

Technisch basiert die Installation auf einem digitalen Charakter, der mit Unreal Engines MetaHuman- Technologie erstellt wurde und dessen Animationen durch Motion‐Capture‐Daten gespeist werden. Über eine Gaze‐Tracking‐ und Interaktions­logik reagiert das Gesicht auf Augenposition und ‐bewegung der Betrachter*innen.

Als experimentell‐künstleriche Bachelorarbeit versteht sich „Digitale Fratzen“ damit als künstlerische Forschung zu der Frage, wie sich unser Blick auf Gesichter verändert, wenn sie zu jederzeit formbaren, potenziell täuschenden Datenbildern werden.

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