Wann und wie spricht man über eine Lebensphase, auf die man sich nur ungern vorbereiten will? Das ist mein Haus ist ein illustrativ-grafisches Buchglossar, das die häusliche Pflege der eigenen Eltern als komplexe, emotionale und gesellschaftlich relevante Erfahrung sichtbar macht. Die Arbeit untersucht, wie ein zeitgenössisch gestaltetes Publikationsformat dazu beitragen kann, das Thema Angehörigenpflege zugänglicher zu machen, stereotype Darstellungen aufzubrechen und einen frühen Dialog zwischen den Generationen anzustoßen.
Ausgangspunkt des Projekts waren vor allem qualitative Interviews mit Menschen, die ihre Eltern zuhause gepflegt haben oder in der Vergangenheit pflegten. Die Gespräche zeigen ein Spannungsfeld aus ambivalenten Beweggründen und widersprüchlichen Bedürfnissen. Pflege ist dabei weder ausschließlich Belastung noch ein Akt selbstloser Fürsorge, sondern eine vielschichtige Lebensrealität zwischen Verantwortung, Liebe, Überforderung, Schuld, Nähe und Verlust.
Diese Ambivalenz bildet den Kern der Publikation. Statt einer linearen Erzählung nutzt das Buch die Form eines Glossars. In umgekehrter alphabetischer Reihenfolge – von Z bis A – versammelt es Begriffe rund um die häusliche Pflege und verknüpft sie mit anonymisierten Interviewausschnitten. Durch die Gegenüberstellung unterschiedlicher Stimmen entstehen fragmentarische Pseudodialoge, die Widersprüche sichtbar machen und Leser:innen zur eigenen Positionierung einladen. Das umgekehrte Alphabet greift dabei die Realität vieler Familien auf: Mit dem Thema Pflege wird sich häufig erst auseinandergesetzt, wenn der Ernstfall bereits eingetreten ist, weshalb man sich oft „von hinten“ in das Thema einfindet.
Die Arbeit nutzt eine illustrative Bildsprache, die sich bewusst von den etablierten Visualisierungen von Pflegeratgebern absetzt. Wo aktuelle Publikationen meist auf harmonisierende Symbolbilder und vereinfachte Darstellungen zurückgreifen, versucht dieses Projekt, die emotionale Komplexität von Pflege erfahrbar zu machen, ohne sie zu dramatisieren oder zu beschönigen.
Das Buch bewegt sich zwischen künstlerischer Dokumentation und Sachbuch will persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichem Kontext verbinden. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels soll das Buch einen Beitrag dazu leisten, häusliche Pflege früher ins Gespräch zu bringen.