Liebe Absolventen und Absolventinnen,
braucht es jetzt noch viele Worte? … eigentlich nicht. Gut, dass Sie
es geschafft haben. So einfach ist das. Das könnte ich jetzt noch ein paar Mal wiederholen. Vielleicht mit etwas
mehr Nachdruck. Vielleicht mit etwas mehr Verve oder rhetorischem Aufwand: Denn "Mit großem Respekt nehmen wir
zur Kenntnis, dass Sie Ihren Bachelor bestanden haben.“ Oder: "Ihr erfolgreicher Abschluss des Bachelors ist in
hohem Maße anzuerkennen.“ Aber das ist der Punkt. Genau das ist der Punkt: Gut, dass Sie es geschafft haben!
Denn darüber freuen wir uns. Und darüber freuen Sie sich.
Hoffentlich.
Aber mal ehrlich, wäre Ihnen damit gedient, wenn ich Sie auf diese Weise in die Welt entlassen würde? Ja schon, denn das wäre kurz und schmerzlos. Aber weder respekt- noch würdevoll genug. Diesem Anlass, diesem doch recht besonderen Anlass ganz und gar nicht angemessen. Nicht angemessen, was den Verlauf Ihres Studiums angeht, also all den Übungen, Design-Projekten und Semesterarbeiten. Nicht adäquat für all Ihre Leistungen, noch Ihre Mühen.
Weder im Hinblick auf die Anstrengungen Ihres Endspurts. Noch bezogen auf die Aufregung im Kolloquium, der finalen Präsentation Ihrer Werke. Und ganz sicher nicht passend für das Ende eines Lebensabschnitts. Das wäre ein bisschen so wie eine Rede anlässlich einer Preisverleihung, die aus einem bloßen „Da. Hier ist er, Ihr Preis.“ besteht. Die Musik beginnt zu spielen und niemand weiß, ob er jetzt klatschen soll. Da hätte man sich doch was anderes erwartet. Etwas mehr Lametta vielleicht.
Fangen wir also nochmal von vorne an …
Was Ihnen unter Umständen Spaß machen könnte, ist, sich vorzustellen: Wie viel Mühe wir uns gegeben haben, zu ergründen, warum Sie ausgerechnet „Samba" als Ihr Motto gewählt haben. Wir kennen das: Es ist gar nicht so leicht, ein Motto zu finden. Wir ahnen es: Manchmal muss es halt schnell gehen. Wir wissen schon: Es soll ja ein Dach sein, unter dem sich möglichst viele wohl fühlen. Schließlich sollen sehr unterschiedliche Absolventinnen und Absolventen was damit anfangen können. Von Identifikation gar nicht erst zu reden.
Stellen Sie sich also eine Reihe rätselnder Professorinnen und Professoren vor. Allesamt grübelnd, in der bekannten Pose von Rodins Skulptur „Der Denker“. Und je nachdem, wie sie so geprägt sind und was sie so mitbringen, dachten die Mitglieder unserer Fakultät bei Samba an allerlei. Etwa an die gleichnamigen Adidas Sneaker. Andere meinten, Samba stamme doch aus der IT, und raunten dann irgendwas von wegen "Open Source implementation von SMB".
Wieder andere trauten Ihnen anspielungsreiche Akronyme zu. Möglicherweise stünde Samba, so schätzte man, ja für S.A.M.B.A., also für "Super Anspruchsvolle Multidimensional Basierte Analysemodelle“. Oder es bedeutet halt einfach "Semantic AI Models for Better Answers“. Was, nebenbei bemerkt, sehr zeitgemäß ist.
Aber – mal ehrlich – wie wahrscheinlich wäre es, dass unsere Studierenden mit Ihrem Motto auf „Samba in Mettmann“ mit Hape Kerkeling anspielen? Auf einen sehr deutschen Film. Der auf eine sehr deutsche Weise davon handelt, dass drei junge Brasilianerinnen in die Kleinstadt Mettmann in der Nähe von Düsseldorf kommen und dort sehr Spießiges erleben.
Dem Vernehmen nach scheinen die Bewohner der erwähnten Kleinstadt, in der das gedreht wurde, ihre Freude dran gehabt zu haben. Das Lexikon des internationalen Films allerdings fand's nicht so lustig. Denn das urteilte recht harsch mit - und ich zitiere hier - „Niveaulose Klamotte voller abgestandener Gags, die sich an Altherrenwitzen delektiert.“ Das kann es also auch nicht sein.
Aber Brasilien stimmt ja vielleicht. Und dann: Die Musik, der Tanz. Ein Gesellschaftstanz im 2/4-Takt. Etwas, was man in verzopften Kleinstädten, gern mal „Heiße Rhythmen“ nennt. Oder besser: Etwas, das für Lebensfreude steht. Den Karneval in Rio vielleicht. Für Sommer und Ausgelassenheit. OK. Das ist es wahrscheinlich. Und ja: Es passt ja.
Sie haben einen Anlass zu feiern. Grund zu feiern, dass Sie sich der Aufgabe eines Studiums gestellt haben. Nicht zu fassen, was Sie hier alles gelernt haben, in 11 Modulen, wie bei uns die Fächer heißen, und in sehr vielen Wahlpflichtkursen, in Projektwochen, Workshops und Vorträgen aus der Praxis.
Und wir denken, man kann Sie uneingeschränkt dafür loben, dass Sie den langen, aber guten Weg eines Studiums gewählt haben. Auch gegen die nervigen Fragen auf Familienfeiern oder in WG-Küchen, ob Künstliche Intelligenz das nicht alles schon viel besser macht. Die richtige und besser informierte Antwort darauf ist übrigens:
Nein!
Sie können und sollten feiern, dass Sie nicht gezögert, zwischendrin nicht aufgegeben haben oder davongelaufen sind. Dass Sie nicht – oder wenigstens nicht zu lange – im Prokrastinieren gefangen waren. Wir freuen uns mit Ihnen, dass Sie den Perfektionslügen von Instagram entkommen konnten. Dass Sie sich Ihren Sinnfragen gestellt haben. Sie konnten Imposter Syndrom und Overthinking überwinden. Sie haben sich Ziele gesetzt, Pläne gefasst, waren kritisch. Aber eben auch mutig. Und es ist schon bemerkenswert, dass Sie tiefe Täler durchschritten haben und mit uns auf höchste Höhen geklettert sind.
Ein erster Schritt ist ein erster Schritt. Aber das bedeutet auch, dass der zweite fehlt. Wie im Samba. Ihr erster Schritt war ein großer und richtiger. Aber jetzt kommt halt der nächste. Also wenn Sie hier heraus tanzen, wenn Sie Ihre Hüften dynamisch hier hinaus schwingen und den Sommer genießen, geben wir Ihnen etwas mit … Sie sind jetzt fertig. Und das ist gut so. Aber, Sie sind noch nicht fertig. Und das ist auch gut so. Kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Denn jetzt fängt alles an.
Wenn man Samba tanzt, wie man ihn in der Tanzschule gelernt hat, wird man ihn nie so richtig tanzen. Denn Samba bedeutet halt auch, ihn zu spüren und zu leben. Und wer ganz cool ist, tanzt ihn auf seine eigene Art, aber mit anderen zusammen. Und wenn uns danach ist, denken wir an laut trommelnde Samba-Truppen auf Demonstrationen.
Kennen Sie zufällig den englischen Ausdruck „Let’s face the music“? Der stammt aus dem 19. Jahrhundert, aus der Welt der Varietés. Damals ging es darum, sich einer schwierigen Situation zu stellen. Man tritt hinaus auf die Bühne und gleich muss man performen. Gleichgültig, ob man nervös ist, oder wer da im Publikum sitzt. „Let’s face the music!“ Also tanzen Sie gern mal wieder bei uns rein, wenn Ihnen danach ist. Sie sind immer willkommen. Aber jetzt geht es erst mal nach draußen.
Nachdem uns nun typisch brasilianische Instrumente fehlen, um Ihnen lautstark und angemessen unseren Jubel mitzuteilen, verfallen wir vielleicht auf etwas, was Samba-historisch als "rhythmische Unterstützung" gängig war, auf das Händeklatschen nämlich. Denn dieser Beifall gehört ganz Ihnen.
Manuel Casasola Merkle,
Dekan der Fakultät Design
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